Warum brauchen wir unabhängige Zentralbanken?

Die Frage, ob man eine Landszentralbank der politischen Führung des Landes unterstellen sollte oder doch lieber in Form eines unabhängigen Institutes belässt, beschäftigt die Gelehrten schon seit mehr als einem Jahrhundert. Die europäische Zentralbank beispielsweise ist ein Musterbeispiel für eine besonders unabhängige Zentralbank. Kein Mitglied des Zentralbankrates darf Weisungen von Politikern oder anderen Personen entgegennehmen geschweige denn, danach handeln.

Doch warum ist eine unabhängige Zentralbank zumindest in der Theorie soviel besser als eine abhängige?

Ganz einfach, weil unabhängige Notenbankchefs keinen großen Anreiz haben, zu viel Geld zu drucken und damit die Währung zu entwerten. Bei Politikern sieht das schon ganz anders aus. Wenn kurz vor den Wahlen die Wirtschaft ein wenig hinkt, könnte so mancher in Versuchung geraten ein wenig mehr Geld in Umlauf zu bringen. Dadurch könnte man erhöhte Staatsausgaben finanzieren und hätte einige positiv gestimmte Wähler mehr auf seiner Seite. Und wenn man sich nur einigermaßen geschickt anstellt und zum richtigen Zeitpunkt mehr Geld in Umlauf bringt, dann gibt es tatsächlich einen positiven Konjunktureffekt vor den anstehenden Wahlen.

Ansteigende Konjunktur ist doch toll, was ist an diesem Vorgehen nun so schlecht? Nach den Wahlen und der vermutlichen Wiederwahl des Landesfürsten steigt die Inflation (schleichende Geldentwertung) ins Unermessliche und der vermeintliche Konjunkturaufschwung erweist sich als riesengroße Seifenblase. Ein Gegensteuern ist dann umso schwieriger, wenn nicht gar unmöglich. Da Politiker vor allem den Anreiz haben wiedergewählt werden zu wollen, sind Experten der Meinung, dass nur in den Händen von Fachleuten, die sich den ganzen Tag mit nicht anderem beschäftigen als der Sicherstellung niedriger Inflationsraten, die Stabilität der Währung gewährleistet.

Die Angestellten der EZB sind einzig und allein der Erhaltung eines stabilen Euro verpflichtet und betreiben eine unabhängige Geldpolitik. Komplett unabhängig ist zwar auch die EZB nicht, das würde nicht funktionieren. Aber nur in wenigen Fragen der Wechselkurspolitik besitzen die Regierungen der Mitgliedsstaaten überhaupt ein Mitspracherecht. Und die Ernennung der Landeszentralbankchefs sowie der Mitglieder des Direktoriums erfolgt zwar ebenfalls durch die Regierungen der Mitgliedsländer, allerdings ist durch die lange Amtszeit (acht Jahre) und die ausgewogenen Mehrheitsverhältnisse im Zentralbankrat ein Taktieren oder die Möglichkeiten der Einflussnahme durch die Landesregierungen sehr begrenzt.

Theoretische Untersuchungen von Wirtschaftswissenschaftlern haben ergeben, dass alle Länder mit unabhängigen Zentralbanken über einen langen Zeitraum eine stabilere Währung besaßen, als Länder wo die Zentralbank der politischen Führung untergeordnet ist. Eigentlich haben heute alle wichtigen Industrienationen unabhängige Zentralbanken, allen voran die EZB und ihr amerikanisches Pendent das Federal Reserve Board (FED). Wobei man festhalten muss, dass das FED zusätzlich zur Währungssicherung noch Aufgaben der Wirtschaftspolitik übernimmt, indem es für ein konstantes Wirtschaftswachstum Sorge tragen soll. Und anders als in Europa ist in den USA allein die Regierung für die Wechselkurspolitik zuständig.

Vorbild der europäischen Zentralbank war die Deutsche Bundesbank, ebenfalls eine erfolgreiche unabhängige Zentralbank. Deutschland machte es ja zur Bedingung für den Beitritt zur europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, dass sich die Mitgliedsstaaten zu unabhängigen Zentralbanken bereiterklärten und die neue europäische Zentralbank wichtige Elemente der Bundesbank übernahm.

Nun sollte man nicht verschweigen, dass unabhängige Zentralbanken auch Probleme bereiten können:

  1. Zum Beispiel dann, wenn Zentralbanken bewusst eine schlechte Geldpolitik betreiben, die im inflationären Chaos mit unterirdischer Konjunktur endet. Die Regierung könnte die Zentralbank in einem solchen Fall kaum aufhalten, da sie ja unabhängig ist und nur wenig Sanktionsmechanismen (wie z.B. Mögliche Amtsenthebung von Notenbankchefs wegen Unfähigkeit) bestehen.
  2. Unabhängige Zentralbanken sind ziemlich wenig demokratisch. Darüber sieht man heute meist locker hinweg, denn die Entscheidungen der Zentralbänker gehen ja nicht spurlos an der Öffentlichkeit vorbei, sondern werden in den Medien diskutiert und erläutert. Außerdem kann auch die Zentralbank die Gesetze des Kapitalmarktes nicht außer Kraft setzen, wodurch ein gewisses Maß an Kontrolle gewährleistet ist. Wenn die Zentralbankpolitik schlecht ist, wird der Kurs der Währung abstürzen. Schon deshalb wird die Zentralbank bemüht sein, eine ordentliche Geldpolitik zu betreiben.
  3. Es kommt vor, dass sich Zentralbanken auch in andere Bereiche der Wirtschaftspolitik einmischen, gewollt oder ungewollt Regierungen oder andere Wirtschaftshandelnde kritisieren, selbst aber auf Grund der Unabhängigkeit relativ unantastbar sind. Ein schönes Beispiel für diese Unantastbarkeit ist das größte Orakel der Finanzwelt: Alan Greenspan, ehemaliger amerikanischer Notenbankchef. Meist halten sich die Einmischungen jedoch in Grenzen, da die Bankenchefs oft genug damit zu haben, ihre Währung stabil zu halten.

Um doch noch abschließend ein paar Negativbeispiele für komplett von der Regierung abhängige Notenbanken anzuführen, genügt ein Blick in den asiatischen Raum. Eine der größten abhängigen Zentralbanken der Welt ist beispielsweise die indische Reserve Bank of India mit einer Inflationsrate von etwa 6 Prozent (im Vergleich dazu der Euroraum mit 2 Prozent).

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